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Deutschland investiert Milliarden in sein Gesundheitssystem, aber die Ergebnisse bleiben hinter denen vieler europäischer Nachbarn zurück. Eine aktuelle Analyse der Gesundheitspolitik beleuchtet systematische Schwächen und macht Reformvorschläge.

Die Krankenkassen schlagen Alarm über das zunehmende Defizit. Der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, warnt vor einer weiteren Schere zwischen Beitragseinnahmen und Ausgaben. Der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse DAK, Andreas Storm, bezeichnet die Finanzsituation als katastrophal und droht mit Zahlungsunfähigkeit. Das Defizit für 2024 wird auf sechs Milliarden Euro geschätzt.

Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2022 insgesamt 498 Milliarden Euro oder 5939 Euro je Einwohner für Gesundheit ausgegeben. Die Gesundheitsausgaben beliefen sich auf 12,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Leistungsausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) stiegen weiterhin kontinuierlich an, mit 288,6 Milliarden Euro im Jahr 2023, was 5,24 Prozent mehr als im Vorjahr darstellt.

Der größte Teil der Ausgaben entfiel auf den Krankenhausbereich mit 94 Milliarden Euro (+6,6 Prozent), gefolgt von der ambulanten Versorgung mit 47,1 Milliarden Euro (+2,1 Prozent) und der Arzneimittelversorgung mit 50,2 Milliarden Euro (+2,7 Prozent).

Eine gesundheitspolitische Übersichtsarbeit unter der Leitung von Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Deutschland hat ein strukturelles Problem in der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Das System konzentriert sich zu sehr auf die Behandlung von Krankheiten und nicht auf deren Verhinderung. Drei Hauptprobleme werden identifiziert:

1. Fehlende zentrale Steuerung: Deutschland hat keine starke Institution, die Public-Health-Maßnahmen koordiniert. Stattdessen herrscht ein Flickenteppich aus Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen, der zu schlechter Abstimmung und ineffizienter Mittelverteilung führt.

2. Zu wenig Prävention, zu viel Reparaturmedizin: Die Krankenkassen investieren Milliarden in hochspezialisierte Behandlungen, während die Finanzierung von Prävention und Gesundheitsförderung weiterhin ein Nischendasein fristet.

3. Lobbys verhindern wirksame Maßnahmen: Zuckersteuer, Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel und Regulierungen für Tabak und Alkohol werden in Deutschland entweder abgeschwächt oder nie umgesetzt – oft unter dem Einfluss wirtschaftlicher Interessen.

Die Wissenschaftler schlagen vier zentrale Reformen vor:

1. Eine starke Identität für Public Health entwickeln: Deutschland braucht eine kohärente Vision für Gesundheitspolitik, die Prävention und Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt stellt.

2. Eine nationale Public-Health-Strategie aufstellen: Gesundheitsförderung darf nicht länger ein Flickwerk bleiben, sondern muss systematisch und sektorübergreifend gedacht werden.

3. Gesundheitsförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen: Neben dem Gesundheitswesen müssen auch Bildung, Arbeit und Umweltpolitik verstärkt auf präventives Handeln ausgerichtet werden.

4. Kommerzielle Interessen regulieren: Die Politik muss sich trauen, gesundheitsschädliche wirtschaftliche Interessen stärker zurückzudrängen, sei es bei Ernährung, Alkohol oder Tabak.

Die Wissenschaftler betonen, dass der Status quo nicht nur ein Problem für die Gesundheit der Bevölkerung ist, sondern auch für die wirtschaftliche Zukunft des Landes. Deutschland muss umdenken und sich auf mehr Prävention ausrichten, um nicht weiter in der Kostenspirale gefangen zu bleiben.

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